Herzschlag – Motor des Lebens
100.000 mal pro Tag – so oft schlägt das Herz eines gesunden Menschen. Eine immense Leistung, die hauptsächlich durch den natürlichen Schrittmacher des Herzens (oder Sinusknoten) kontrolliert und durch das vegetative Nervensystem und die Stoffwechselbedürfnisse unseres Körpers gesteuert wird.
Diese Leistung nehmen wir im Normalfall nicht wahr, denn ein ruhiger, kräftiger Herzschlag ist Teil der inneren Harmonie, die unsere Lebensuhr antreibt. Der herzkranke Mensch hingegen nimmt sehr wohl die Veränderungen seines Herzschlages und die damit verbundenen Beschwerden wie Angst, Schweißausbruch, Herzschmerzen und Luftnot wahr.
In der Tat weisen eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten nach, dass der erhöhte Herzschlag die Entwicklung einer Gefäßverkalkung und die krankhafte Zunahme der Herzwand sowie gefährlicher Herzrhythmusstörungen als auch das Auftreten von Herzinfarkten begünstigt. Diese Untersuchungsergebnisse werden auch durch die Erfahrung in der täglichen Praxis bestätigt. Am Herzzentrum Duisburg behandeln wir jährlich 35.000 Menschen mit den verschiedensten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wobei der Schwerpunkt sicherlich auf der Behandlung von Patienten mit Herzkranzgefäßverkalkung und Herzinfarkt liegt. Gegen die Herzschmerzen und das vollständig verschlossene Herzkranzgefäß beim akuten Herzinfarkt hilft am besten der Herzkatheter und die Ballonaufdehnung, die die Blutversorgung des Herzmuskels wiederherstellt. Mit der Notfall-Behandlung ist es allerdings nicht getan, denn im Anschluss gilt es die Risikofaktoren für die Entstehung und das Fortschreiten der Gefäßverkalkung mit Medikamenten zu behandeln. Ebenso muss schwerwiegenden Herzrhythmusstörungen vorgebeugt werden und bei den Menschen, die einen großen Herzinfarkt mit ausgedehnter Zerstörung von Muskelgewebe und damit Herzleistung mitgemacht haben, dem Fortschreiten der Herzschwäche Einhalt geboten werden. Schwerwiegende Herzrhythmusstörungen und die Herzschwäche bestimmen nämlich die Lebenserwartung der Menschen mit Herzkranzgefäßverkalkung oder koronarer Herzerkrankung (kurz KHK).
Zahllose Bevölkerungsstudien konnten eindrucksvoll belegen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Herzschlag in Ruhe und der Lebenserwartung von Menschen mit einer koronaren Herzerkrankung gibt.
Die Erklärung hierfür liegt sicherlich in einer Verlangsamung der Gefäßverkalkung und einer Verringerung des Sauerstoffbedarfs des Herzens mit der Folge einer verminderten Anzahl an Herzinfarkten und gefährlichen Herzrhythmusstörungen. Hauptsächlich erklärt sich die Verbesserung der Lebenserwartung durch die Tatsache, dass der größte Teil der Durchblutung der Herzkranzgefäße während der Entspannung des Herzmuskels (oder Diastole) stattfindet, in einer Phase, in der die Wandspannung deutlich niedriger ist als in der Pumpphase (oder Systole) und somit die Verlängerung der Entspannungszeit Vorteile in Bezug auf die Herzdurchblutung bietet. Aus diesem Grunde werden die Patienten mit erlittenen Herzinfarkten z. B. mit Betablockern oder Menschen mit Vorhofflimmern z. B. mit Fingerhut-Auszügen oder Calcium-Hemmern wie Verapamil oder Diltiazem behandelt. Deshalb werden auch immer wieder neue Medikamente entwickelt, die über eine Verringerung des Herzschlages eine Verbesserung der Herzkranzgefäßdurchblutung und damit eine Verbesserung der Beschwerden und der Lebenserwartung zur Folge haben. Zudem bemüht man sich, die Nebenwirkungen der üblichen Medikamente, wie z. B. zu niedriger Blutdruck oder Abgeschlagenheit, wie sie bei der Anwendung von Betablockern auftreten, zu vermeiden.
Um besser verstehen zu können, wie diese Medikamente wirken, ist es notwendig, etwas über die Entstehung des Herzschlages und dessen Kontrolle durch das vegetative Nervensystem, die Stoffwechselbedürfnisse des Körpers oder die Wirkung von Medikamenten zu erklären.
Beim gesunden Menschen wird der Herzschlag im natürlichen Schrittmacher des Herzens, dem Sinusknoten, durch kleine elektrische Ströme in einem für diesen Zweck spezialisierten Herzmuskelgewebe im rechten Vorhof erzeugt. Es entstehen Stromstöße, die über die elektrische Leitung des Herzens, dem sogenannten atrioventrikulären Knoten und His-Bündel, vom Vorhof in die Hauptkammern des Herzens übergeleitet werden. Der Schrittmacher und die elektrische Leitung werden direkt über das vegetative Nervensystem sowohl angeregt als auch gehemmt und indirekt über das Gehirn und verschiedene Druck- und Sauerstoff-Messeinrichtungen im Körper gesteuert. Normalerweise liegt der Herzschlag in Ruhe bei Werten um 60–80 Schlägen pro Minute, bei körperlicher Anstrengung jedoch bei Werten bis zu 180 Schlägen pro Minute. Im Schlaf oder bei Sportlern sinkt der Pulsschlag auch auf Werte um die 40–50 Schläge pro Minute. Die oben genannten Medikamente, die den Herzschlag beeinflussen, setzen an verschiedenen Punkten an. Fingerhut-haltige Medikamente beeinflussen den natürlichen Schrittmacher direkt und bremsen seine Schlagfolge, während die Betablocker den Sympathikus, d.h. den anregenden Arm des vegetativen Nervensystems blockieren und damit indirekt die Schlagfolge bremsen. Die Calcium-Hemmer hingegen verlangsamen die Fortleitung des Herzschlages in der elektrischen Leitung.
Wie bereits erwähnt, hat eine Verringerung des Herzschlages eine Verbesserung der Herzkranzgefäßdurchblutung und damit Verbesserung der Beschwerden und der Lebenserwartung zur Folge. Aus diesem Grunde werden fast alle Patienten mit Herzkranzgefäßerkrankung insbesondere mit Betablockern behandelt. Angestrebt werden Herzschlagfolgen von weniger als 70 Schlägen pro Minute. Diese Behandlung hat allerdings bei einem nicht unerheblichen Teil der Patienten unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge und der Einsatz ist durch die teilweise sehr ausgeprägte Blutdrucksenkung begrenzt. Dadurch können die angestrebten Werte von weniger als 70 Schlägen pro Minute mit dieser Medikamentengruppe oftmals nicht erreicht werden. Die Behandlungsmöglichkeiten eines zu schnellen Herzschlages bei Patienten mit Herzkranzgefäßerkrankung ist jedoch seit kurzem durch ein neues Medikament – Ivabradin – ergänzt worden. Dieses wirkt direkt und nur am Schrittmacher. Es verlangsamt durch die Hemmung des Stromflusses am Schrittmacher die Entstehung des Herzschlages und reduziert dadurch die Herzschläge pro Minute. Durch die alleinige Wirkung am Schrittmacher bringt dieses Medikament keine Nebenwirkungen wie die Betablocker oder Fingerhut-Präparate im Sinne von zusätzlichen Herzrhythmusstörungen mit sich. Das Medikament wird zur Zeit zusätzlich zur Behandlung mit Beta-Blockern eingesetzt, wenn z. B. der Herzschlag noch nicht ausreichend gesenkt werden konnte. In einer erst kürzlich auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie veröffentlichten Untersuchung (BEAUTIfUL-Studie) an weltweit über 10.000 Patienten mit Herzkranzgefäßerkrankung und Herzschwäche, konnte in der Tat nachgewiesen werden, dass Patienten mit einer Herzschlagfolge von mehr als 70 Schlägen pro Minute deutlich häufiger im Krankenhaus wegen Herzschwäche oder erneuten Herzkatheteruntersuchungen aufgenommen werden mussten und auch deutlich häufiger an Herzkreislauferkrankungen wie z. B. Herzinfarkt verstarben. Durch das zusätzlich eingesetzte Ivabradin konnte der Herzschlag auf unter 70 Schläge pro Minute gesenkt werden und diese Patienten profitierten im Sinne von einer geringeren Anzahl tödlicher und nicht-tödlicher Herzinfarkte und weniger Krankenhausaufnahmen zur Behandlung einer erneuten Verengung der Herzkranzgefäße.
Dieser potentiell günstige Effekt zusätzlich zur Standardmedikation wird ergänzt durch die bereits bekannte Wirkung des Medikamentes auf die Angina pectoris-Schmerzen und auf die Durchblutungsförderung der Herzmuskulatur bei Patienten mit einer Herzkranzgefäßerkrankung.
Zusammenfassend lässt sich also folgern, dass die Senkung der Herzschlagfolge bei Patienten mit Herzkranzgefäßerkrankung und Herzschwäche eine Verbesserung der Beschwerden und der Lebenserwartung zur Folge hat. Zukünftig sollte daher die Herzschlagfolge in der Praxis als Risikofaktor ermittelt und in die Therapieplanung mit einbezogen werden. Es ist somit zu erwarten, dass bei Herzinfarktpatienten wesentlich mehr als früher auf den Risikofaktor Herzfrequenz Wert gelegt werden wird. Zu diesem Zweck werden vermutlich weitere innovative Medikamente wie Ivabradin auf den Markt kommen, um so die therapeutischen Möglichkeiten zu erweitern und damit eine Verbesserung der Lebensqualität der Patienten zu erreichen.
Autoren:
Prof. Dr. med. Wolfgang Schöls, Chefarzt der Kardiologie
Dr. Dr. med. Marco Albanese, Oberarzt der Kardiologie
Herzzentrum Duisburg